Sport

»Die Welt spielt gerade verrückt«

Hofft, dass die Makkabi-Familie weiter wächst: Verbandsvorsitzender Alon Meyer Foto: MAKKABI Deutschland

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»Die Welt spielt gerade verrückt«

Alon Meyer über seine Wiederwahl zum Makkabi-Präsidenten in ganz besonderen Zeiten, den enormen Mitgliederzuwachs und die Zukunft des jüdischen Sportvereins

von Helmut Kuhn  09.11.2025 17:11 Uhr


Herr Meyer, Sie sind erneut zum Vorsitzenden von Makkabi Deutschland gewählt worden. Was bewegt Sie, in diesen schweren Zeiten weiterhin Führung zu übernehmen?
Das sehe ich immer noch als große Ehre und Freude zugleich, dem Verband zum vierten Mal in Folge vorzustehen und ihn auch weiterhin gemeinsam mit meinem Präsidium weiterentwickeln zu dürfen. Motivation sind für mich die Errungenschaften der letzten Jahre, die gezeigt haben, dass der eingeschlagene Weg der richtige ist, auch wenn die Welt gerade verrücktspielt. Wir setzen dem Ganzen ein klares Zeichen entgegen. Und das gilt es vor allem jetzt auch weiterhin zu tun.

Was war in Ihrer Amtszeit die bisher größte Herausforderung?
Die mit Abstand größte Herausforderung war es, 2015 die European Maccabi Games in Berlin auf die Beine zu stellen, das bis dato größte jüdische Sportevent Europas mit 2500 Teilnehmern. Und auch die erstmalig seit 1933 ausgetragenen Winterspiele in Ruhpolding, als wir eine Woche vor Beginn ankamen bei sommerlichen Temperaturen und von Schnee keine Rede war – und doch hat alles wunderbar geklappt, und es wurden historische Spiele. Das waren besondere Highlights.

Aufgrund der Kriegssituationen wurde die Maccabiah verschoben. Was ließ sich dennoch umsetzen?
Es waren sehr viele positive Aktionen, und die möchte ich gern hervorheben. Allen voran, dass Makkabi Deutschland Anfang des Jahres als einziger Verein namentlich und dessen Förderung explizit im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung genannt wurden. Die daraus resultierende institutionelle Förderung unseres Vereins ermöglicht uns eine gewisse langfristige Planbarkeit und ist wirklich ein Meilenstein für Makkabi Deutschland. Außerdem organisieren wir inzwischen erheblich mehr Events. Zum Beispiel wird die Wintersport Week zum ersten Mal zwei Wochen lang abgehalten. Unsere Sailing Week jährt sich zum sechsten Mal. Und wir haben das Precamp in Berlin trotz der verschobenen Maccabiah stattfinden lassen und daraus ein ganz eigenes Event gemacht, die Makkabi-JA. Auch das Battle of Chanichim, das in diesem Jahr so groß war wie nie zuvor. Erfreulich ist ebenso, dass sich immer mehr Ortsvereine gründen, allein in den letzten Monaten im Saarland, in Leichlingen, Mönchengladbach und im Taunus. Durch dieses stetige Wachstum benötigen wir natürlich immer mehr Mitarbeiter, freuen uns über eine größer werdende Makkabi-Deutschland-Jugend und erfahren eine erheblich größere Sichtbarkeit, vor allem auch in den sozialen Medien. Auch auf dem Gebiet des Demokratieverständnisses haben wir uns mit unserer Bildungsabteilung »Zusammen 1« erheblich professionalisiert.

Gregor Peskin, der Vorsitzende der Makkabi-Jugend, verzeichnet einen enormen Mitgliederzuwachs. Trifft das bei den Erwachsenen auch zu?
In der Tat ist der Zuwachs an Teilnehmern und Mitgliedern bei der Jugend exponentiell hoch. Das ist gut so und unterstreicht, dass wir ein ganz wichtiges Hauptaugenmerk unserer Arbeit auf die Jugendlichen legen. Wir versuchen, sie zu motivieren, Sport zu treiben, von ihren Handys und Monitoren zu lassen, sich aktiv zu bewegen. Wir wollen ihnen aber auch einen Safe Space bieten, in dem sie ihre Jüdischkeit frei ausleben können. Es ist uns wichtig, sie über den Sport zu empowern, sich für die Demokratie und deren Werte einzusetzen. Es freut uns natürlich, dass das so gut angenommen wird.

Makkabi ist für alle Sportler offen. Wie groß ist der nichtjüdische Anteil, und wie viele Nationalitäten trainieren bei Ihnen?
Genaue Zahlen gibt es nicht, aber die Zahl der Nationalitäten und Religionszugehörigkeiten ist groß. Allerdings ist der nichtjüdische Anteil bei unseren Ortsvereinen sehr unterschiedlich, denn sie handeln natürlich autark. Ich kann für Makkabi Frankfurt, dessen Präsident ich ebenfalls bin, sprechen: Mit knapp 5500 Mitgliedern sind wir der größte Ortsverein von Makkabi Deutschland, und wir haben einen nichtjüdischen Anteil von mehr als 80 Prozent.

Sie haben das Programm »Zusammen 1« aufgelegt, das für Antisemitismus sensibilisiert. Wie entwickelt es sich weiter?
In erster Linie können wir nach über fünf Jahren konstatieren, dass »Zusammen 1« als Projekt ein absoluter Erfolg und nach wie vor einzigartig ist. Überall dort, wo es ansetzt, überall dort, wo sie versuchen, schon im Vorfeld zu sensibilisieren und Vorfälle zu vermeiden, ist es ihnen gelungen. Das erkennt man daran, dass Ortsvereine, in denen es über Jahre hinweg immer wieder zu antisemitischen Vorfällen kam, jetzt erheblich weniger bis gar keine Vorfälle mehr verzeichnen. Es ist also eine messbare Verbesserung eingetreten durch diesen positiven Ansatz der Arbeit von Z1. Zudem haben wir den Meldebutton für antisemitische Vorfälle im Sport eingeführt, über den Betroffene professionelle Hilfe von uns erhalten. Dank verschiedener Förderungen konnten wir diese Arbeit weiter ausbauen, sodass wir in Zukunft deutschlandweit ein Netzwerk aufbauen möchten, um diese wertvollen Demokratieförderungsmaßnahmen mithilfe des Sports in die Breite zu tragen.

Wie viel Zeit für Sport bleibt dem Fußballer Alon Meyer selbst noch?
Das ist eine sehr gute Frage. Unser höchstes Gut ist natürlich die Gesundheit und direkt danach die Zeit, die einem sprichwörtlich wegläuft. Und leider können wir diese
24 Stunden eines Tages ja nicht verlängern. Insofern bleibt mir manchmal viel zu wenig Zeit. Nichtsdestotrotz finde ich immer meine kleinen Fenster, um mich zumindest ein bisschen sportlich betätigen zu können. Generell versuche ich, mich jeden Morgen wenigstens eine halbe bis ganze Stunde zu bewegen. Das heißt, ich gehe laufen oder mache gewisse Kraftübungen. Ich habe noch vor sechs Wochen zweite Mannschaft gespielt, aber das ist eher selten der Fall.

Was würden Sie sich für Makkabi für die Zukunft noch wünschen?
Ich wünsche mir, dass wir diesen Weg der vergangenen zwölf Jahre konsequent weiterverfolgen, dass wir noch mehr Sportlerinnen und Sportler für unsere Vereine und Projekte begeistern können, dass wir noch sicht- und hörbarer in der Mitte unserer Gesellschaft werden und gemeinsam mit der Makkabi-Familie auch weiterhin positiv wirken.

Das Gespräch führte Helmut Kuhn.

Tu Bischwat

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